Anna Baar: Eine poetische Grenzgängerin erzählt

Die Klagenfurter Schriftstellerin Anna Baar erhält heuer den Humbert-Fink-Preis der Stadt Klagenfurt. In ihrem ersten Roman „Die Farbe des Granatapfels“ schildert die heute 46-Jährige die Sommermonate in ihrer Kindheit und Jugend, die sie bei ihrer Großmutter auf der dalmatinischen Insel Brač verbrachte. Von der auktorialen Kindersicht wechselt die Perspektive im zweiten Roman in jene eines alten Mannes. Der Held in „Als ob sie träumend gingen“ liegt im Sterben. Anhand seiner Erinnerungen werden die Wirrungen, wie auch die Sehnsüchte eines ganzen Jahrhunderts spürbar. Vor allem aber die Geschichte einer verpassten Liebe. Im Herbst wird Anna Baars dritter Roman erscheinen. Der Arbeitstitel: „Nil“.

Die richtige Erzählperspektive ist beim Schreiben tragend.

Das Gespräch fand am 10. September 2019 im Cafè Fahrnberger statt. Da dieses sehr offene und ehrliche, biografisch angelegte Gespräch sehr berührend für mich war, möchte ich es auf realfiction.at wortwörtlich und unverändert veröffentlichen. Denn diese Form gibt einen sehr guten Einblick in die vielschichtige Persönlichkeit einer äußerst empfindsamen und mutigen Autorin. Ihre Großmutter ist inzwischen verstorben.

Wie oft fahren Sie im Schnitt nach Brač?

Wir fahren meistens im Sommer für drei Wochen auf die Insel. Zusätzlich sind wir entweder zu Ostern oder zur Olivenernte im Oktober auf Brač.

Wenn Sie mit der Fähre auf die Insel übersetzen, welche Gedanken tauchen da auf?

Es ist immer wieder dieser erste, schöne Blick zurück aufs Festland und auf den Hafen von Split und diese mit Palmen bepflanzte Riva. Wo ich mir immer denke, da würde ich mich eigentlich gerne länger aufhalten. Ich habe sehr viel Verwandtschaft in Split, da meine Großmutter aus Split stammt und meine Tante ein Haus direkt an der Riva hat. Dieses Haus sehe ich dann nur von der Fähre aus. Das ist so ein Gedanke, wie wundervoll das dort eigentlich ist. Das macht mich dann immer ein bisschen wehmütig, weil wir da immer nur vorbeifahren. Wenn ich dann kurz vor der Insel bin und schon die Häuser deutlich zu sehen sind, dann überwiegt natürlich die Vorfreude.

Es ist eine andere Welt dort, nehme ich an.

Ja, ich versuche mich immer wieder  in Menschen hineinzuversetzen, die nur als Touristen zu Gast sind. Ein starkes Erlebnis. Ich versuche, während der Überfahrt immer auszumachen, wer einheimisch ist, wer vielleicht von der Arbeit wieder zurückkehrt oder wer diese Fahrt zum ersten Mal erlebt. Die Möwen begleiten die Schiffe und manchmal sieht man auch Delfine.

Welche Gerüche kommen Ihnen da in den Sinn, wenn Sie an die Überfahrt denken?

Der Hafen von Split ist ein Wahnsinn. Es ist ein uralter Kopfbahnhof, der sich seit meiner Kindheit kaum verändert hat. Er liegt genau auf der Höhe des Hafens, die Schiffe verkehren also nur wenig von den Eisenbahnen entfernt. Die Eisenbahnen sind meistens noch Dieselloks. Für mich ist dieser Ort eine versunkene Welt. Allein dieser Wildwuchs an Pflanzen zwischen den Schienen, der Eisenbahngeruch mischt sich mit dem Meeresgeruch und all den üblen Gerüchen, die gar nicht mehr so übel riechen in diesem Gemenge. Das ist jedes Mal ein sinnliches Ankommen.

Wie heißt der Ort auf der Insel Brač, wo die Fähre anlegt?

Sutivan.

Von dem Ort geht es dann wohin?

Es geht dann Richtung Süden, man überquert die ganze Insel, kommt durch schöne, alte Ortschaften und landet dann am südlichsten Zipfel, im Ort Bol.

Sie fahren also rund zweimal im Jahr dorthin. Brač ist ja dann so etwas wie Ihre dritte Heimat, neben Klagenfurt und Wien.

Ich finde es ist nicht so oft. Es kommt mir immer noch als lange Reise vor, die es heutzutage nicht mehr ist. Früher dauerte sie lange, vor allem während des Krieges. Als der ausbrach, konnte man am Landweg nicht mehr dorthin gelangen. Lange sind wir mit der Fähre von Rijeka aus nach Split gefahren, was abenteuerlich war. Es ist eine Nachtfahrt. Man kommt um acht Uhr in der Früh an. Damals konnte man die Raketen sehen. Heute gibt es Autobahnen. Man fährt von Klagenfurt circa sechs Stunden.

 War es schon von Geburt an so, dass Sie auf der Insel lebten?

Als vier oder fünf Wochen altes Kind hat mich meine Mutter das erste Mal auf die Insel verschleppt. Ich bin ja in Zagreb geboren. Sie hat sich nach einigen Überlegungen und Ängsten gedacht, ob das richtig ist. Ihre Mutter sagte: „Dort werden auch Kinder geboren.“ Es war eine legendäre Zugfahrt in einer uralten Dampflok. Viele Tunnels, wo es den Ruß der Loks auch ins Coupé geblasen hat. Meine Mutter hatte immer Angst, dass ihr Kind Schaden nimmt. Es war für sie wahrscheinlich sehr aufregend. Von da an war ich, bis auf einen einzigen Sommer,  jedes Jahr für einige Monate bei meiner Großmutter. Nur unmittelbar nach der Matura, 1991, nicht, aufgrund des Krieges. Stattdessen fuhren wir nach Oberitalien, wo eine Quallenplage herrschte, weshalb wir mit dem Auto nach Portofino fuhren, wo es auch öd war. An die Arena in Verona kann ich mich wiederum gut erinnern. Es war auf jeden Fall ein Sommer, der etwas anders war. An dem Tag, an dem ich mich in Wien für das Medizinstudium immatrikulierte, war der erste Bombenangriff auf Zagreb. Am Seeweg war die Insel nicht erreichbar.

Die Großmutter, heißt sie nun Nada oder Nona?

Ich habe „Nonna“ gesagt. Dadurch, dass meine Familie dalmatinisch und italienisch geprägt ist. Auf Kroatisch würde man „Nona“ sagen.

Was heißt Nada, wie Sie Ihre Oma im Buch „Die Farbe des Granatapfels“ nennen?

Nada ist nur der Name der Romanfigur, für den meine Großmutter sozusagen Modell gesessen ist. Man muss sich das ja schon als realistisches, vielleicht kann man sogar sagen, als autofiktionales Bild vorstellen.

Hat Ihre Oma in dem Dorf gelebt, in welches Sie heute noch fahren, wenn Sie auf Brač  sind?

Ja. Im Sommer haben meine Großeltern immer auf der Insel gelebt. Sie sind im April losgezogen und waren zumeist bis Allerheiligen dort.

Wo lebten Sie als Kind in Klagenfurt?

Die ersten vier Lebensjahre verbrachte ich mit meinen Eltern in Wien, im internationalen Studentenheim. Danach wohnten wir einige Jahre gegenüber der Steinernen Brücke, hier in Klagenfurt.

Gibt es Erinnerungen an die ersten vier Lebensjahre in Wien?

Ja, da waren Kinder von überall her. Das hab ich im Alter von vier Jahren in Klagenfurt vermisst, allein die unterschiedlichen Hautfarben. Ich erinnere mich an die Gerüche im Studentenheim. Meine erste Erinnerung: da bin ich einer Aufsichtsperson, die Ulla, eine Freundin meiner Eltern, durch die offene Tür entwischt und ein Stockwerk höher zu einer afrikanischen Familie gekommen. Da war eine Frau mit einem Baby am Rücken, die hat gebügelt. Ich war fasziniert. Und dann setzt die Erinnerung kurz aus. Dann dieses schlechte Gewissen, als meine Eltern zurückgekommen sind und die Ulla ihnen meine miese Tat erzählte. Ich hab mich über ein Zeichenblatt gelehnt und so getan, als würde ich nichts mitbekommen. Dann weiß ich noch, dass Ullas Sohn ein Auto hatte, das sein Vater, ein Afghane, für ihn gebaut hatte. Damit ist der Kleine die Gänge auf- und abgefahren. Davon gibt es keine Fotos, aber ich weiß, dass das so passierte.

Gehen wir nun chronologisch vor. Also ab vier Jahren lebten Sie in Klagenfurt.

Als ich vier war, sind wir nach Klagenfurt gezogen. Da haben wir neben der Schneiderei an der Steinernen Brücke gelebt. Das war lustig, ich konnte genau zum Wulfenia Kino hinunter sehen. Das hat mich immer beeindruckt, als Kind, dass hier die Menschentrauben davorstanden. Da saßen die Jugendlichen mit ihren knarrenden Maschinen. Mir hat der Trubel sehr gut gefallen. Meinem Vater eher nicht so, er ist eher ein Stiller. Daher zogen wir dann aufs Land, nach Karnburg. Da hat sich der Spaß aufgehört. Das war sehr ruhig und sehr beschaulich. Nicht so eine tolle Zeit.

Ihr Vater ist aus Klagenfurt, woher stammt Ihre Mutter?

Meine Mutter ist in Split geboren. Sie ist die Tochter einer Spliterin und eines Bračers. Sie ist mit vier Jahren nach Brač  gekommen. Und bis zur Matura dort geblieben und dann ist sie nach Wien gegangen, zum Studieren. Sie wollte nicht nach Wien, aber die Entscheidung wurde mehr von ihren Eltern getroffen.

Ihre Mutter hat Medizin studiert und in dieser Zeit ihren Mann kennengelernt?

Ja. Mein Vater war damals an der Hochschule für Welthandel und für ihn war geplant, dass er die Autoersatzteil-Firma seines Vaters hier in Klagenfurt übernimmt.

Aber der Vater, wenn ich das Ihrem Buch entnehme, ist sehr musikalisch. Ich habe vermutet, er ist Profi-Musiker. 

Das ist ja keine Biografie, sondern ein Roman. Gewisse Eigenschaften habe ich übernommen. Er ist sehr musikalisch und er hat immer Klavier gespielt.

Wo ist denn heute Ihr Schreibort?

Wenn ich hier in Klagenfurt bin, dann ist es mein Wohnzimmer. Auf der Insel ist es mein Bett, muss ich zu meiner Schande gestehen. Um es mit einem Bild zu sagen: es fällt mir dann in den Schoß. Weil ich habe mein Schreibgerät, meinen Laptop, dann auf einem kleinen Stück Holz liegen. Hier habe ich sogar ganz ein professionelles Ding, das man sich so drauflegt, damit es nicht so heiß wird. Hier in Klagenfurt ist mein Schreibort mein Wohnzimmer. Besonders schön ist der Blick aufs Feuer im Winter. Mein Ofen steht mir dann genau gegenüber. Das ist schon schön, wenn das Feuer knistert und das Holz niederbrennt.

Die Ruhe zum Schreiben, wann finden Sie die?

In der Früh. Ich mache einen längeren Spaziergang mit dem Hund, um halb sieben, und wenn ich zurückkomme, dann setze ich mich an die Arbeit. Bis mittags. An guten Tagen schreibe ich manchmal bis in den Nachmittag hinein. Ab dem Nachmittag geht gar nichts mehr. In meiner Studienzeit habe ich gut in der Nacht arbeiten können, aber da habe ich Unmengen an Kaffee getrunken.

Brauchen Sie Rituale zum Schreiben?

Nein, mein Ritual ist der Tag, wie er strukturiert ist, und das versuche ich auch einzuhalten.

Nochmal retour zur Insel. Wie würden Sie die Einheimischen beschreiben? 

Die kann man schwer über einen Kamm scheren. Aber es gibt zumindest Eigenschaften, die mir bei manchen auffallen. Sie sind auf eine gute Weise stur und unbeugsam, aber herzlich. Das ist eine Sturheit, von der ich glaube, die daher rührt, dass es auf dieser Insel immer einen Kampf ums Überleben gegeben hat. Das ist eine sehr steinige und unwirtliche Insel, wo es sehr oft Wasserknappheit gegeben hat. Was diese Insel auszeichnet, ist, dass es so gut wie keine Quellen gibt, es gibt nur zwei. Eine ist unterirdisch und die andere versickert schnell. Erst in den 70ern wurde eine Leitung gebaut, sodass Trinkwasser unterirdisch vom Festland kommt. Ich habe als Kind noch erlebt, dass das Wasser mit Schiffen gekommen ist. Und ich erinnere mich, wie die Frauen zum Dorfbrunnen gegangen sind, die Fässer am Kopf transportiert haben und sich dort das Wasser geholt haben. Das war ein schwieriges Leben und die Generation meiner Großeltern, die hat gelitten. Meine beiden Großonkel wanderten nach Argentinien aus, weil zu allem Überdruss auch die Reblaus eingefallen ist. Sie waren Bauern. Wenn man heute nach Argentinien geht, hat man seine virtuellen Nabelschnüre. Ich glaube, dass meine Ur-Großmutter ihre Söhne nie mehr gesehen hat, die nach über 20 Jahren ausgewandert sind. Das hat die Insel viele Bewohner gekostet, vor allem die jungen Männer.

Die Bračer  gelten auch am Festland als stur. Böse Zungensprechen von Geiz, was aber in Wahrheit ein Haushalten-Können ist. Eine Widerstandskraft, die mir gefällt. Sie lassen sich nichts gefallen, sie sind keine Arschkriecher und auch keine Diener-Typen. Daher tun sie sich auch schwer mit den Touristen. Die Kellner gelten als überheblich.

Haben Sie heute noch Kontakte auf der Insel?

Leider sehr wenige. Die meisten, die ich kannte, sind leider alle verstorben. Es tut mir leid, dass ich es verabsäumt habe, mit Menschen meines Alters in Kontakt zu kommen.

Die Dynamik des Sommers war ja ganz eine eigene. Dem Buch „Die Farbe des Granatapfels“ entnehme ich sehr viel Einsamkeit.

Ja. Gefördert auch durch meine Großmutter, die mich wahrscheinlich auch hätte unter Kinder bringen müssen. Ich habe ja mit diesen, für mich damals Alten, zusammengelebt. Sie waren im Grunde knapp über 50, als ich geboren wurde. Beide waren durch den Krieg seelisch und körperlich geschädigt, was die Sache nicht einfacher gemacht hat. Sie hatten ihre Ängste, auch durch den Krieg.

Hat ihre Großmutter diese Ängste einfach weitergegeben?

Ich glaube, dass man diese Angst ausatmet. Das funktioniert nicht so sehr über Wörter, sondern wie wenn ein Kind auf meinem Schoß sitzt, und ich ein Geräusch höre, das mich erschreckt, dann hört das Kind auch meinen schnelleren Herzschlag, das schnellere Atmen. Vielleicht auch jeden Wimpernschlag, der sich beschleunigt. Ich habe während der Sommeraufenthalte als Kind keinen Kontakt zu anderen Kindern gehabt. In diesen langen Wochen wurde ich „Leut scheu“. Mit alten Menschen habe ich immer gut umgehen können. Aber Gleichaltrige waren mir eher suspekt.

Wie viele Monate waren Sie jeden Sommer auf der Insel?

Am Anfang länger als zwei Monate. Als ich in die Schule gekommen bin, waren es die ganzen Sommerferien. Wobei die unterbrochen waren, weil meine Eltern und mein Bruder dann auch drei Wochen dort waren. Aber die sind dann auch wieder abgereist.

Mich hat es beim Lesen erstaunt, wie viele starke Bilder Sie durch Ihre Schilderungen geben.

Ich glaube, je weniger von außen an einen herangetragen wird, umso mehr muss man aus sich selbst etwas erschaffen. Um das Leben gut zu bewältigen. Diese Langeweile fehlt den Jugendlichen heute. Ich hatte keinen Spielgefährten auf der Insel. Also habe ich stundenlang am Strand Muscheln gesammelt oder Krebse beobachtet. Mir war nie langweilig. Es waren nur Momente, in denen ich Neues erfunden habe. Oder ich war stundenlang unterm Mandelbaum und habe Mandeln aufgeschlagen. Die Häutchen runter gezupft. Und immer z.B. geschaut, dass ich das weiche Weiße nicht anknacke. Da wird man dann sorgfältig. Das war sinnlich.

War das auch eine Wahrnehmungsschulung für die spätere Schriftstellerei?

Ich glaube, dass das Schreiben eine Sache von Schauen ist. Weil schreiben lernt man ja eh in der Schule, schreiben können wir ja alle. Es gibt Schriftsteller, die können nicht rechtschreiben. Ich weiß auch nichts von Beistrich-Setzung. Ich glaube, es ist schon eine Frage, wo ich hinschaue und was mir zu Bewusstsein dringt. Natürlich passiert vieles auch unterbewusst.

Welche Rolle spielt der Mut?   

Der Mut fängt erst dort an, wo es darum geht, das herzuzeigen. Manche haben da exhibitionistische Tendenzen. Der Mut beginnt dort, wo man das, was man für sich schreibt, hergibt. Das ist ein Akt der Anmaßung. Denn wie kann ein Mensch, der halbwegs bei Verstand ist, sagen: „Ich bin Schriftsteller und schaut euch jetzt meine tollen Sachen an. Oder meine tollen Bilder.“ Es gibt Menschen, die komplett verschwiegen sind und großartige Ausstellungen machen, sei es mit Schriftstellerei, sei es mit Malerei. Man wundert sich dann. Ich halte es für Anmaßung. Ich höre das schon von Jungen: „Ich als Schriftsteller oder Schriftstellerin.“ Ich habe sogar von einer jungen Frau gehört: „Ich als gebildete Frau.“ Ich kann ja nicht von mir behaupten, Künstler zu sein, wie ein anderer sagt, er ist Chirurg. Das ist er ja dann auch wirklich. Aber in der Kunst, in diesem sensiblen Bereich, wo ich nichts anderes tue als etwas sichtbar zu machen, ist das nicht möglich.

Wenn es um das Sichtbarmachen der eigenen Familiengeschichte geht, wie war es für Ihre Familie, das erste Buch in Händen zu halten?

Es haben bei weitem nicht alle gelesen. Zum Glück. Ich würde gerne vom Schreiben leben können, und es sollen alle meine Bücher kaufen, aber niemand soll sie lesen. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen kokett, aber es ist tatsächlich so. Vor Kurzem sagte mir jemand, den ich oft treffe, der mich aber literarisch nicht kennt, dass er gerade „Die Farbe des Granatapfels“ liest. Das war für mich furchtbar. Das war so, als hätte er gesagt, jetzt habe ich dich irgendwo nackt gesehen. Fremde können es lesen. Meine Mutter und mein Vater haben es gelesen. Und das hat schon viel mit ihnen gemacht. Sie wissen andererseits ja, dass es ein Roman ist und keine Familiengeschichte. Weil ich bin keine gute Erfinderin, ich kann nicht wirklich gut Dinge erfinden, die ich nicht selbst zumindest nachfühlen kann. Da tu ich mir natürlich leicht, wenn ich etwas, was ich erlebt habe, in etwas hineinbringe. Letztendlich hat ja alles mit uns zu tun. Was für meine Eltern natürlich schwierig war, war die Lesart der anderen. Z.B. haben zwei Freundinnen meine Mutter gefragt: „Wie hältst du das aus?“ Meine Mutter wusste natürlich, wo die realen Anteile liegen. Die anderen dachten, es sei eine Nacherzählung der Familiengeschichte, was furchtbar wäre. Vor Kurzem sind wir mit meiner Mutter am Meer gesessen und haben über meine Großmutter gesprochen. Ich habe dann zu ihr gesagt, wie geduldig sie mir Modell gesessen ist, für etwas, was sich dann mit Fantasie vermengt hat. Da sagte ich zu ihr, das tut man ja eigentlich nicht. Und sie sagte zu mir, eigentlich tut man das nicht.

Es geht in Ihrem ersten Buch um reale Kindheitserinnerungen. Wie bleiben diese so intensiv gespeichert?

Das ist das Schöne am Geschichtenerzählen, dass diese Freiheit, die eigentlich auch eine Ungeheuerlichkeit ist, etwas so darstellen zu können, nicht wie es war, sondern wie es hätte sein können. Oder sich die Welt so zurecht zu schieben, wie man sie gerne gehabt hätte. Oder wie man es auf keinen Fall gerne gehabt hätte. Man kann vieles auf die Spitze treiben oder wiederum manches einfach auslassen.

Ist der kreative Prozess wie Kochen, bei dem man die Zutaten vermengt? 

Das klingt jetzt so wie Malen nach Zahlen oder Perlenspiel. Das ist es dann auch wieder nicht. Dazu ist das kreative Schreiben viel zu belastend, teilweise. Das ist ja nicht wie ein Hobby. Man verschiebt da bestimmte Bestandteile und am Ende schaut dann irgendwas raus, das anderen vielleicht auch noch gefällt. Das ist vielleicht auch das Komplizierte an manchen Schreibgeschichten, dass ich sie mir nie für andere ausgedacht habe. Damit hat auch zu tun, dass mein eigenes Schreiben wirklich früh begonnen hat, spätestens mit meiner Rückkehr nach Wien. Als Medizin-Studentin begann ich zu schreiben. Ich habe das aber alles vernichtet, da ich nicht wollte, dass es jemand findet und darüber urteilen könnte. Ich hatte damals überhaupt keine Ahnung von Literatur.  Ich war uninteressiert an Germanistik. Ich habe einfach nur geschrieben und hatte keine Ahnung, was es darstellte. Man hat mich ja belehrt. Weil es wird ja etikettiert, sobald es auf dem Tisch liegt. Also ich würde schon sagen, dass es kleine Prosa-Stücke waren, manchmal Kurzgeschichten. Vielleicht Roman-Fragmente. Das, was mich als junger Mensch eben plagte oder anzog. Wiener Geschichten vorwiegend. Als ich in die Schule gekommen bin, habe ich an meine Freunde fiktive Briefe geschrieben, in Deutsch, aber nie abgeschickt. Das war ein Mich-Wichtigmachen. Z.B. schrieb ich: „Ich sehe sinkende Schiffe“. Und ich habe mir dann am Ende eingebildet, dass ich das wirklich erlebt haben soll. Ich war damals so versponnen in dieser Einsamkeit und Ereignislosigkeit, dass ich versucht habe, diese Geschichten in Briefe zu verpacken, die „unabsendbar“ waren, weil ich damals dachte, das glaubt dir am Ende niemand. Dann ging es weiter in der Volksschule mit Erzählungen, was wir in den Ferien erlebt haben, im Sesselkreis. Das habe ich natürlich an die Spitze getrieben. Was hätte ich sagen sollen? Ich war jeden Tag auf der Terrasse und habe Nüsse geknackt? Also waren es die abstürzenden Löwen und sinkenden Schiffe. Dann waren es die Tagebücher, die schnell vom Tagesgeschehen außer Rand und Band geraten sind und plötzlich Erfindungen wurden.

In Ihrem ersten Buch beschreiben Sie, wie Sie als Kind auf der Insel gerne die deutschen Schlagzeilen am Zeitungskiosk lasen.

Ja, genau. Als Kind ist man noch nicht so schnell im Entziffern und schon läuft der eigene Film. Und natürlich erhaschte ich Zeitschriften, die deutsche Urlauber an den Stränden gelassen hatten. An den Samstagen war Urlauberwechsel. Da sind wir mit meiner Großmutter die Strände abgegangen. Auf der Suche nach Hinterlassenschaften. Das waren z.T. auch üble Hinterlassenschaften, aber auch Schwimmreifen, Sonnencremen oder Schundromane. Das ist als Kind erhebend, den Wissensvorsprung gegenüber einer erziehungsberechtigten Person zu haben.

Kommen wir zur Brücke zwischen Realem und Fiktion. Sie haben während des Medizinstudiums als Texterin gearbeitet. Wie war das für Sie?

Ich habe während des Studiums für verschiedene Zeitschriften gearbeitet. Ich war nirgendwo fix angestellt, war immer wieder engagiert über verschiedene Leute, die gefragt haben, ob ich nicht für diese oder jene Zeitschrift schreiben möchte. Ich war dann sogar einmal leitende Redakteurin einer Studentenzeitung. Spät nachts wurde ich überredet. Ich bin natürlich kläglich gescheitert. Das waren Erfahrungen. Ich habe halt gesehen, dass es ganz anders geht, wenn man vom Schreiben leben kann. Das habe ich während des Studiums rasch begriffen. Wobei mich die Medizin immer sehr angezogen hat. Meine erste Lektüre waren die Medizinbücher meiner Mutter. Ich liebte es, die Bildunterschriften zu entziffern. Dann hat meine Mutter sich diese Lexika von Donauland aufschwatzen lassen. In Karnburg haben wir so ein zwangsweises Geschenk erhalten.  Und eines war ein Selbstdiagnose-Medizinbuch, mit diversen Fragen und Pfaden. Egal, welchen Pfad man eingeschlagen hat, am Ende kam immer heraus: „Informieren Sie unverzüglich Ihren Arzt oder Apotheker.“ Ich dachte: das muss doch zu ergründen sein. Einmal dachte ich sogar, dass ich eine Blinddarmentzündung hätte. Aber das wagte ich meiner Mutter nicht zu sagen, dass ich jetzt schon sterben werde.

Heute unvorstellbar, solche Lexika.

Ja, dass etwas festgeschrieben ist. Im Internet wird alles gewartet und erneuert. Die Halbwertszeit des Wissens ist verkürzt.

Wie sieht es mit der Halbwertszeit der Sprache aus? Tut Ihnen da manchmal etwas weh?

Ja sicher. Ich komme mir wie eine altertümliche Mahnerin vor, wenn ich sage, dass der Fortbestand der Sprache eigentlich von denen, die sich für Sprache verantwortlich zeigen, mitgetragen werden müsste. Ich finde, Schriftsteller, wer denn sonst, sind zu einer gewissen Sprache verpflichtet. Wir, die wir uns als „intellektuell“ bezeichnen, beklagen uns über „Trumpismus“ oder über die Lässigkeit im Alltag. Z.B. zeigt sich das im Alltag, dass man legere Kleidung auch bei feierlichen Anlässen trägt. Wo es früher Übereinkünfte gab. Alles lässig, aber ich verstehe nicht, warum sich das in der Sprache niederschlägt. Warum diejenigen, die sich über diese Verwahrlosung in der Moral empören, dann selbst eine Flapsigkeit an den Tag legen. Da spreche ich nun nicht von Jugendlichen.

Viele meiner Schüler verstehen z.B. nicht, wenn ich sage, wir spucken in die Hände und beginnen.

Dabei ist das so schön. Meine Großmutter hat für alles eine Lebensweisheit gehabt. Diese Sprüche kommen mir heute noch in Situationen. Das sind wirklich Weisheiten.

Das mit der Sprache ist für mich ein großes Thema. Ich leide sehr. Alle, die im Literaturbetrieb arbeiten, müssten sich an der Nase nehmen und aufhören, mit ihrer Oberlässigkeit. Es müsste auch Literatur geben, die dem Leser etwas abverlangt. Sonst ist es Spaßlektüre. Wenn es eine beglückende Lektüre sein soll, welthaltig, ein Wort, das in beraterischen Kreisen herumgeistert, dann muss man dazu sagen, dass der Weg zur Freude über eine gewissen Anstrengung passiert. Manche Sätze müssen mir vielleicht missfallen. Es gibt so furchtbare Werbungen und die gefallen gerade deswegen. Man muss die Sprache vor Verwahrlosung bewahren.

Während des Medizin-Studiums haben Sie im Bereich der PR tätig.

Leider, dort herrscht eine ungepflegte Sprache vor, die Werbesprache. Das ist der Versuch, in primitive Hirnareale vorzudringen, eine Sprache, die nichts abverlangt, die sich verkürzt, eine Babysprache. Dann gibt es die strategische Kommunikation. Man weiß, dass Worte etwas mit den Menschen machen. Das ist visuell nachweisbar. Dann verwende ich diese Worte auch in der Werbung. Das ist eine Überrumpelung. Im Wort „überzeugen“ steckt das drin.

Wie ließ sich da die Seite wechseln, wie kamen Sie von der PR zum kreativen Schreiben? 

Ich habe nicht switchen müssen. Weil ich daneben immer mein Ding gemacht habe. Ich habe untertags meine Arbeit getan, mit immer mehr Skrupel und immer mehr schlechtem Gewissen vor mir selbst. Ich habe das Glück gehabt, dass ich nicht viel mit Werbetexten zu tun hatte. Zum Glück hat sich das schnell in einen Bereich verlagert, wo ich eher Ghostwriterin war, wo ich freier war im Sprachgebrauch als beim Werbetexten. Das Schreiben im Namen anderer habe ich spannend gefunden, sich in andere hineinzuversetzen und sich zu überlegen, wie würde der antworten, wenn er könnte und die Worte dazu hätte.

Da sind wir bei Ihrem Schaffensprozess. „Als ob sie träumend gingen“, Ihr zweiter Roman, ist psychologisch angelegt. Wie kann man solche Charaktere kreieren?

Man nimmt von jedem ein bisschen. Von Menschen, die man kennt, stecken in manchen Figuren mehrere. Die verschmelzen zu Hybridwesen. Das ist absichtslos. Ich habe einmal gehört, dass manche Schreiber sich ihre Figuren wie auf dem Reißbrett ausdenken. Mir passiert das einfach absichtslos.

Ich habe mich gefragt, ob Sie gemeinsam mit Psychologen recherchiert haben.

Wenn man nahe an dem bleibt, was man wirklich wahrnimmt, dann wird es auch glaubhaft. Wenn ich es nur erfinde, ist es farblos, weil ich nie so in die Tiefe schauen kann.

Interessant,  was jemand einmal zu mir gesagt hat: „Mit den Frauen in deinem Roman möchte ich nichts zu tun haben.“ Das fand ich spannend. Jeder gleicht es mit seinen eigenen Erfahrungen ab. Wenn man jetzt glaubt, dass die Romanfigur, die man mit meiner Oma assoziiert schlecht oder böse ist, dann sage ich, keines von beidem. Für mich ist es eine Liebesgeschichte an sich, an der ich beißen und kauen muss, mit der ich ringen muss, das ist doch niemals etwas Leichtes. Das ist wie mit der Lektüre. Ich kann dran knabbern und letztendlich kommt etwas Schönes dabei heraus.

Ich habe vor Kurzem mein geliebtes Auto verschrotten lassen müssen und ich habe zehn Jahre mit dem Autoverkauf gerungen. Ich habe es geliebt. Es ist auch so, dass man mit dem Kind oder Elternteil, mit dem man am meisten ringt, am meisten verwandt ist. Das schweißt einen erst zusammen und nicht das „Pickige“.

Ich habe heute nochmals das Buch vom Granatapfel verschlungen. Ich bin am Ende heulend gesessen, diese Hassliebe  zur Großmutter spürt man sehr stark. Das ist erstaunlich, kann man das nur beschreiben, wenn man es selbst erlebt hat?

Ich kann mir nicht vorstellen, alles zu erfinden. Ich lasse eine Geschichte kommen, wie sie kommen will. Aber wenn ich was dazu tue, dann muss das von mir sein. D.h. jetzt nicht, dass eine Person einer Lebenden gleicht, aber sie kann schon ähnlich sein. Das macht es leichter.

Ist es wichtig, von außen viel mitzubekommen? Die Menschen zu beobachten?

Mir ist aufgefallen, dass ich oft gar nicht viel mitbekomme, viel aber, was gefühlsmäßig abläuft. Dass ich mehr im Zwischenmenschlichen sehe, was mir lieb ist, viel mehr erkenne, mehr als mir lieb ist. Wo ich mich frage, warum spüren das andere nicht? Aber es fällt mir z.B. nicht schnell auf, wenn ein Familienangehöriger beim Friseur war. Diese äußerlichen Dinge, da bin ich „tramhapert“. Ich bin nicht nach außen orientiert. Eher jemand, der zu stark im Gefühl ist. Ich glaube, man könnte mich in ein Gefängnis setzen und ich wüsste gut mit der Zeit etwas anzufangen.

In beiden Büchern sind die Hauptfiguren abergläubisch. Sind Sie abergläubisch?

Es gibt manche Dinge, von denen ich weiß, dass der Mensch tatsächlich dran geglaubt hat. Und Dinge, die zufliegen, wo ich denke, das würde ein schönes Bild ergeben. Aberglaube, das ist eine schwierige Frage, wo fängt er an? Es ist ein magisches Denken. Wir wissen von der Medizin, dass der Glaube im Heilungsprozess sehr wichtig ist. Ich glaube, die Menschen haben sich zu jeder Zeit Stützen zurechtgelegt, ob es Sternenkonstellationen am Firmament waren oder Knochen in einem Eimer. Oder Bleigießen. Ich tue mir schwer, das als Aberglaube zu bezeichnen. Das ist von der Kirche aus immer in Frage gestellt worden, dass es weniger wert ist. Aber ich glaube, es gibt für jeden Menschen einen Aberglauben. Man sagt ja auch abergläubisch und nicht abergläubig, was die Wertigkeit zeigt.

Sind Sie selbst ein spiritueller Mensch?

Es ist ganz wichtig, sich mit Dingen zu beschäftigen, die nicht sichtbar sind. Mit Kräften, die in uns wirken, die wahrscheinlich nicht physisch sind. Ich tue mir schwer, das zu benennen. Ich habe kein Problem mit dem Gottesbegriff, aber ich glaube, es ist die Liebe, die wir Gott nennen. Ich bin mit Müh und Not von meinem Vater zum christlichen Glauben erzogen worden. Im Kommunismus hat man an Tito geglaubt. Dann ist lange nichts gekommen. Ich bin nicht getauft, gehöre keiner Konfession an, fühle mich auch zu keiner hingezogen. Wenn ich mir das weltpolitisch vor Augen führe, kann es nur eine Religion für alle geben. Das soll und darf es geben, aber ich tue mir schwer, das zu personifizieren. Ich bin kein materialistischer Mensch, dass ich nur an das glaube, was bewiesen werden kann. Das ist ja auch der Fluch der Naturwissenschaften.

Es gibt ja immer eine treibende Kraft.

Schon, solange man das andere auch sein lässt.

In Ihrem zweiten Buch gibt es die Frage: Woher kommst du? Und die knappe Antwort: nirgendwoher. Ist das Leben zwischen zwei Kulturen bereichernd?

Ja natürlich, ich bin zur Ansicht gekommen, dass man das, was man nicht ändern kann im Leben, immer zum Vorteil klären muss. Alle Krisen können mir etwas Gutes bringen. Wie Goethe sagte, zu unserem und anderer Vorteil Fehler machen. Wie viele Fehler haben wir zu unserem eigenen Vorteil gemacht? Die fehlerfeindliche Gesellschaft, auch im Schulsystem, ist etwas, was den Geist tötet. Auf seine Herkunft soll man stolz sein. Ich bin stolz und beschämt.

Haben Sie die kroatische Staatsbürgershaft?

Ja. Dadurch, dass ich den jugoslawischen Reisepass gehabt habe. Ich habe ihn nie beantragt. Die ehemaligen Jugoslawen bekamen nach dem Krieg die Staatsbürgerschaft der Nachfolgestaaten übertragen.

Nirgendwo beheimatet zu sein, das ist ein wiederkehrendes Thema in Ihren Büchern. Ist für Sie das Schreiben ein Stück Heimat?

Es ist wichtig, zu versuchen, den eigenen Maßstab zu finden. Sobald man sich lossagt von den Maßstäben der anderen, geht vieles leichter. Und das ist nicht einfach, zu sagen, ich gehe für mich einen Weg, auf dem von beiden Seiten etwas sein darf. Und dass man sich selbst damit auch anderen zumutet. Ich glaube, das ist nur, wenn man mit der Herkunft nicht eindeutig liegt. Ich glaube, man liegt ja nie ganz eindeutig mit seiner Herkunft, selbst wenn die Eltern aus demselben Dorf stammen. Weil jede Familie anders ist. Da prallen zwei  Systeme aufeinander. Im Kleinen spielt sich das Zuordnen immer ab. Das „Hier“ ist ja etwas ganz Bewegliches und Dynamisches. Der einzige Weg, der aus der Kategorisierung herausführt, ist das Sich-Versöhnen-mit-sich-Selbst. Das vielleicht ein bisschen schwieriger ist, wenn man in zwei Kulturen aufgewachsen ist. Weil, das, was einem als die Wahrheit verkauft worden ist, z.B. „Es ist gut so, wie du bist“, in der anderen Kultur in Frage gestellt wird. Das ist so, wie zwei Elternteile, die nicht an einem Strang ziehen.

Heute sind Sie wo beheimatet?

Heimat ist der Ort, wo man einen erkennt. Und das kann überall sein. In Bol bin ich auf jeden Fall beheimatet. Dort gibt es Menschen, die erkennen mich, die freuen sich, wenn wir uns wiedersehen. Die gibt es auch in Wien und in Kärnten, zum Teil gibt es sie auch in Berlin. Ein Teil meiner Familie lebt in Berlin. Aber ich glaube, mein Beheimatet-Sein spielt sich zwischen Brač, Wien, Klagenfurt und Zagreb ab. Das ist mein europäisches Viereck.

Ich war kürzlich in Persien auf Lesereise eingeladen. Dort habe ich mich auch beheimatet gefühlt. Die Vegetation ist sehr ähnlich wie in Dalmatien, dort gibt es wunderschöne Maulbeerbäume. Aber auch die Mentalität war verbindend. Ich fühlte mich dort aufgehoben. Das ist eine Frage des Offenbleibens.

Die Großmutter lebt heute noch in Zagreb?

Ja (Anmerkung: sie verstarb am Stefanitag 2019, drei Monate nach dem aufgezeichneten Gespräch). Sie ist ein Wunder der Natur, sie ist 97. Und das bei ihrem Lebensstil. Sie raucht erst seit zwei Jahren nicht mehr. Das hat sie vergessen. Sie hat losgelassen. Das finde ich faszinierend. Sie verabschiedet sich von ihren Lastern. Wenn man Zeit hat, alt zu werden, dann kann man sich noch von so manchen Lasten entledigen.

Ab wann haben sie gespürt, dass es an der Zeit ist, ihr noch wichtige Fragen zu stellen?

Ich habe schon gemerkt, dass sie beginnt, sich von der Welt zu verabschieden. Nicht physisch noch, aber im Geiste. Es war für sie ein Abschied nehmen. Als ich ihr meinen Entschluss mitteilte, dass ich ihr einige Fragen stellen möchte, hat sie beschlossen, ihre Sommer nicht mehr auf der Insel zu verbringen. Das war ihr zu unsicher, da gab es kein Krankenhaus. Ich wusste, ich musste mit dem Fragen beginnen, sonst gibt mir das keine Ruhe. Mich interessieren Menschen und ihre Geschichten. Vielleicht findet ein Mensch es schrecklich, nicht gefragt zu werden.

Wie empfand Ihre Großmutter Ihre Fragen?

Ich habe sie gut lesen können an ihren Gesten. Wie weit ich gehen kann. Vielleicht habe ich zu spät damit begonnen. Es sind dann viele Kriegsgeschichten aus ihr herausgeflossen. Es erschien mir oft nicht wahrer als ein Märchen. Es war ein seltsames Gefühl. Ich habe mich nicht näher heran gewagt. All das hat mein Verständnis zu ihr inniger werden lassen.

Was haben Sie von Ihrer Großmutter gelernt?

Ich habe noch zu wenig gelernt, was von ihr bleibt, ist die Essenz. Sie hat einen enormen Lebenswillen, einen schelmischen Humor, einen guten Trotz, sie ist widerständig, eine kämpferische Frau gewesen. Sie wusste immer, was für sie wichtig ist. Da ist sie mit ihren Vorstellungen schon mal über andere drüber gefahren, das war für die Mitmenschen nicht immer einfach. Sie ist eine schillernde Figur, das kann ich in drei Leben nicht sein. Sie ist eine Ausgeburt an Herrlichkeit und Mütterlichkeit. Sie war ein sehr liebender Mensch. Sie war Lehrerin und pädagogische Beraterin. Es gab damals die „gsunde Watschn“. Das passierte in gutem Glauben. Ich habe z.B. von ihr gelernt, dass ich mich nicht verbiege, auch im Literaturbetrieb lasse ich mich nicht verbiegen. Ich werde niemals anders zu schreiben beginnen, wenn sich mein Schreibstil nicht verkauft. In der Lebensgeschichte mussten diese Menschen den Widerstand oft negieren. Da bin ich froh, dass ich das nicht am eigenen Leib erlebt habe und davon trotzdem profitiere. Im Umgang mit meinen eigenen Kindern merke ich auch, dass es wichtig ist, nie nachtragend zu sein. Das lernte ich auch von meiner Großmutter. Wir haben uns nach jedem Streit immer wieder versöhnt. Sie hat dann einen Finger ihrer rechten Hand immer auf meinen Finger meiner rechten Hand gelegt und gesagt: „Guter Friede bis zum Himmel.“ Sie hat halt bestimmt, wann man wieder gut zu sein hatte, manchmal war ich noch nicht so weit. Das war dann schwierig. Dann hat sie sich ihrer Schuld entledigen wollen. Meinen Vater hat sie schon respektiert, aber sie hat es sich nicht verkneifen können, immer wieder auszurutschen, auf einem alten Urteil, vor seiner Zeit.

Ich hoffe, dass es weitere Familiengeschichten geben wird.

Ich habe derzeit genug von Familiengeschichte, es zieht mich woanders hin. Alles, was ich schreibe, hat natürlich mit mir selbst zu tun.

Sind Übersetzungen geplant?

Ja,  „Die Farbe des Granatapfels“ wird gerade ins Italienische übersetzt. Ich war gerade auf Lesereise in Rom. Vielleicht ist die Übersetzung besser als das, was ich geschrieben habe, wer weiß?

Sprechen Sie Italienisch?

Ein bisschen. Meine halbe Muttersprache war Italienisch. Denn meine Großmutter sprach immer wieder einige Sätze oder Sprüche auf Italienisch, weil ihre Mutter Italienerin war. Im Gymnasium in Viktring habe ich Italienisch gelernt.

So schließt sich der Kreis.

Rezensionen der ersten zwei Bücher von Anna Baar folgen demnächst!

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