Robin Hood der Gefühle

entstanden in meiner Wiener Zeit

Er wischt die Krümeln vom Tisch. „Was magst du trinken, es gibt alles, außer Alkohol“, schmunzelt N. Keine andere Bedienung könnte heute besser sein. Er leiht mir sein Ohr, schwingt sich auf den Stuhl und wartet, bis ich zu erzählen beginne. Ich bestelle Kakao. Im Häferl gibt`s Häferlkakao. Diese Sozialeinrichtung ist eine Heimat auf Zeit. Auch für mich. Ein Zufluchtsort. Eigentlich ist die Einrichtung für Haftentlassene und Freigänger, aber eine meiner Recherchen hat mich hierher geführt. Scheinbar auch eine Institution für Freigeister. Bei meinem ersten Besuch fragte ich N. neugierig aus. Ich erfuhr, dass hier nicht nur Freigänger und Haftentlassene Gesellschaft suchen und finden. „Wir sind ja ganz normale Menschen mit ganz normalen Problemen,“ so N., der die Einrichtung führt und liebend gerne bewirtet.

Heute darf ich reden. „Komm, sag schon, was ist los?“, will N. hartnäckig wissen. Und die zwei Männer ringsum auch. Sie alle waren Mal im Knast und wirken trotzdem so verständnisvoll. „Aber wenn es mit mir durchgeht, dann bin ich ein anderer Mensch. Wenn jemand gegen meine Werte verstößt, dann kann ich meine Wut oft nicht mehr steuern,“ so N. „Habe die Ehre“, so die Begrüßung eines weiteren Ex-Knackis. Er erzählt von seiner Scheidung. Da vergesse ich meine Sorgen und werde in seine Geschichte hineingezogen. Das lenkt ab. Und insgeheim denke ich mir: Welch Robin Hood doch Norbert ist. Ein Robin Hood der Gefühle. Hier darf man einfach reden, jegliche Emotion zulassen. Manchmal landet man deshalb halt im Knast.

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